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Das Buch

eit ich mit der Ahnenforschung begonnen habe, habe ich gleichzeitig begonnen aus den Erzählungen der Familie und den Aufzeichnungen von Hans ein Buch zu schreiben.
Nach und nach hat sich die Form eines Romanes herauskristallisiert. Er ist aus der Sicht des zunächst 13jährigen Hans geschrieben und beginnt mit dem Jahr 1945 in Ostpreußen. Er zeigt kleine Rückblicke in die Kindheit und endet mit der Ankunft der Familie in Kiel.
Das Buch ist gedacht für Jugendliche und Erwachsene, die diese Zeit nicht erlebt haben. Mit Hans zusammen erleben sie die letzten Tage des Krieges und die Flucht. Um die Hintergründe verstehen zu können, die heute nicht wie damals Allgemeinwissen sind, wurden ab und zu Tafeln eingefügt. Sie enthalten zum Beispiel Auszüge aus den gesetzlichen Bestimmungen für die Hitler Jugend o.Ä. Im Anhang gibt es kurze Berichte von anderen Augenzeugen oder weiterführende Informationen, die Hans bei seinem Erleben nicht weiß. Karten sollen in die Innenseiten der Buchdeckel eingefügt werden.
Das Buch ist etwa zur Hälfte fertig. Die zweite Hälfte liegt in Kladde vor und muß noch ausformuliert werden.

Ich wünsche mir, bis zum Jahresende 2013 damit fertig zu sein. Es hat sich aber gezeigt, daß man sich bei einem solchen Projekt viel wünschen kann, ob es sich so verwirklichen läßt ist eine andere Sache, denn das Leben, das Nachdenken und das Recherchieren fordert jeweils seine Zeit, die läßt sich im Vorhinein nicht kalkulieren.

Eine kleine Kostprobe gibt es aber schon. Diese wurde für eine öffentliche Lesung aus dem Kapitel5 herausgekürzt:

Hans geht noch einmal über die Straße zu seinem Freund Helmut. Helmuts Vater ist beim Volkssturm. Er hat einen einfachen Pferdewagen, mit Teppichen überdacht und für eine mögliche Flucht vorbereitet. Der Wagen steht hinter dem Haus neben zwei Flüchtlingswagen. Im Stall rasselt eine Kette und ein Pferd wiehert.
Als Hans die Hintertür öffnet, kommt ihm Helmut schon entgegen. Hans macht seine Stiefel an der Fußmatte sauber, nimmt die Mütze ab und steckt sie in die Jackentasche.
„Mann, bei uns ist 'was los! Alles voll!“, stöhnt der 13-jährige blonde Junge.
„Helmuut!“, ruft da gerade Helmuts Mutter von irgendwo hinter dem Haus.
„Na, hier auch, siehst ja“, sagt Helmut, indem er über einen Haufen Gepäck springt, der mitten im Flur steht.
Helmut Joppien ist ein Jahr älter, aber ebenso groß und schlank wie Hans Samland. Sein Haar ist dunkler und geht ihm bis über die Ohren, so wie Hans es auch gerne gehabt hätte. Aber seine Mutter kennt da kein Pardon. Je länger die Zöpfe seiner Schwestern werden, desto kürzer werden seine Haare abrasiert.
„Helmuuut!“
„Jaha, komm' ja schon! Phhh“, Helmut stößt hörbar die Luft aus und rollt mit den Augen.
„So jeht das schon den janzen Tag.“ Helmut ist genervt, aber er geht brav in die Küche. Hans folgt ihm langsam. Auch hier liegen die Flüchtlinge mit Sack und Pack auf Stroh am Fußboden. Einige sitzen am Tisch und essen etwas von dem reichlichen Proviant, den sie auf ihren Wagen mitgebracht haben. Frau Joppien ist offensichtlich dabei, auch für ihre Familie das Essen zu machen.
„Juten Tag Frau Joppien“, sagt Hans höflich, reicht ihr die Hand und macht einen Diener.
„Ach Hans, juten Tag. Jrüß Mutti mal schön von mir, ich komm' jar nich mehr weg hier. Siehst ja, was hier los ist.“
„Ja, bei uns auch.“
„Na, das glaub ich, ihr habt ja auch noch den Stab drüben.“
Dann wendet sie sich wieder ihrer Arbeit zu, und sagt zu ihrem Sohn:
„Helmut, hol' mir mal ein Glas mit Klopsen aus dem Keller!“
Hans und Helmut gehen zusammen in den Keller. Auf einem einfachen Bretterregal steht das Eingemachte. Gläser mit Frikadellen, Leberwurst, Blutwurst, Sülze, Bohnen, Pilzen, Gurken, Rote Beete, Eier, Marmeladen, Apfelmus, Birnen, Pflaumen, Kirschen und verschieden Sorten Saft. Die geräucherten Würste und der Schinken hängen von der Decke. Schnell bringen sie das gewünschte Glas nach oben und verschwinden ungesehen nach draußen.
Es ist ein klarer sonniger Tag und sehr kalt. Der Schnee um das Haus herum ist überall zertreten. Den Weg und die Auffahrt zur Straße hat Josef freigeschaufelt. Josef ist der polnische Gefangene, der dem Hof als Arbeiter zugeteilt wurde. Bei den Samlands muss Hand die Wege vom Schnee freihalten.
Die beiden schlendern zur Feldküche, die sich auf dem Hof der Familie Samland eingerichtet hat. Bei den Soldaten ist es immer interessant.
Der Koch, er ist Pole und als Hilfswilliger in die Deutsche Wehrmacht aufgenommen worden, winkt sie heran und zeigt ihnen seinen selbstgebrauten Schnaps. Er muss sie nicht lange zum heimlichen Probieren überreden. Das Zeug ist scharf und brennt bis ganz hinunter in den Bauch. Aber Hans und Helmut sind „deutsche Männer“, die so ein Polenschnaps nicht „ins Bockshorn“ jagen kann. Sie keuchen zwar leise, aber als der Koch sie für ihre Männlichkeit bewundert, können sie es nicht beim einmaligen Probieren belassen. Sie kichern und reden immer mutiger, dass die deutschen Soldaten es „dem Russen“ schon zeigen würden.
Da kommt ein kleiner sandfarbener Verpflegungslaster auf den Hof gefahren, ein Soldat steigt aus und öffnet die hintere Tür. Dort auf der Ladefläche steht eine große Holzkiste. Der Soldat öffnet sie. Er nimmt etwas heraus. Die Jungen sehen gespannt, wenn auch mit etwas glasigen Augen, zu.
„Mann, so viel Schokolade!“
Schokolade gibt es hier auf dem Lande selten Die kinderreichen Familien, die mit ihren Höfen noch im Aufbau stecken, haben dafür kein Geld übrig. Und jetzt im Krieg gibt es so etwas schon gar nicht mehr.
Der Soldat gibt dem Koch einige Tafeln für seine Mannschaft und verschwindet mit einem Packen Schokoladentafeln im Haus. So schnell kann gar keiner schauen, wie Hans und Helmut am Wagen sind und sich jeder zwei Tafeln einstecken. Keinem der beiden kommt es in den Sinn, dass auf Diebstahl von Wehrmachtseigentum die Todesstrafe steht. Sie setzen sich in Sichtweite des Wagens auf eine Mauer und knabbern genüsslich an ihrem „Fund“.
Der Soldat macht mit seiner Schokoladenverteilungsaktion emsig weiter. Bald aber stutzt er, zählt, zählt nochmals und beginnt dann zu suchen. Als er weder im, noch auf, noch unter dem Auto etwas finden kann, schaut er sich um. Die beiden sind leicht zu entdecken, wie sie genüsslich auf ihrer Wehrmachtsschokolade herumkauen. Er rennt auf sie zu.
„Woher habt ihr die Schokolade?“, schreit er sie an.
„Wieso?“ Die Beiden gucken dumm und unschuldig. Zumindest sieht es so aus – der Soldat weiß ja nicht, dass sie beschwipst und deshalb so gelassen sind.
„Das ist Wehrmachtsschokolade, das sehe ich doch. Woher habt ihr die?“ Er ist ganz außer sich.
„Die haben wir bekommen.“
„Von wem?“
„Von einem Soldaten.“
Der Mann kann ihnen nicht das Gegenteil beweisen, und belässt es endlich dabei. Als er zum Wagen zurückkehrt, wirft er ihnen unter zusammengezogenen Brauen noch einmal einen misstrauischen Blick zu.
„Komm!“, sagt Helmut und die Beiden entziehen sich seinen Blicken, indem sie um die Ecke verschwinden, eine Hand lässig in der Tasche, in der anderen den Schokoladenrest. Die kurze Erwärmung, die der Schnaps vorgetäuscht hat, ist verflogen und allmählich wird ihnen ganz schön kalt und sie haben einen höllischen Durst. Sie schlendern über die Straße und schleichen sich wieder in Joppiens Keller.
Hier und da haben sie etwas von den Gesprächen der Soldaten aufgeschnappt. „Der Russe“ würde bald kommen. Von den Flüchtlingen hatten sie gehört, was „der Russe“ alles macht. Nämliche alles, von Anbrüllen und Ausrauben über Vergewaltigen, Quälen und Totschießen. Außerdem wissen sie bereits aus der Schule und den Versammlungen, dass die Russen Bestien sind, Untermenschen, „der Feind“ eben.
„Glaubst du, die Russen kommen auch hierher?“, fragt Helmut seinen Freund.
„Mmm, glaub' schon“, sagt der.
„Aber im Radio sagen sie, das Samland wird verteidigt. Deshalb geht keiner fort.“
„Der Hauptmann hat gesagt, wir sollen packen, alle müssen bald weg.“
„Und dann kommen die Russen hierher in unsere Häuser?“
Hans zuckt mit den Schultern.
„Dann schlafen die in unseren Betten und essen unsere Sachen?“
„Da essen wir sie lieber selber.“
Sie essen und trinken, was sie am liebsten mögen. Hans mag süßes Kompott und Marmelade. Helmut Klopse und Wurst. Ab und zu wird mit etwas Apfelsaft nachgespült.
„Hier, probier' mal die Kirschen!“
„Boah! Ich kann nicht mehr“, stöhnt Hans.
„Ich auch nicht.“ Helmut rülpst leise und kichert.
„Sollen wir mal eine von den Zigaretten rauchen?“
„Jo, könn' wir mal probieren.“
Sie paffen eine Zigarette, die sie von den Soldaten geschnorrt haben. Alles ist so neu und spannend. Das ruhige Leben im Dorf, das sich bisher zwischen Schule, Kaufmann, dem eigenen Hof und der Schwedenschanze abgespielt hat, ist völlig verändert. Sie sind gleichzeitig ängstlich, hoffnungsvoll, mutig, vor allem aber aufgeregt. Obwohl Frau Joppien den Wagen schon vollgepackt hat, ist der Vorratskeller noch ordentlich bestückt. Hans schaut langsam an den Reihen eingemachter Gläser entlang und auf die fünf geöffneten, noch halb vollen Gläser. Entmutigt sagt er:
„Oh Mann, da ist noch so viel übrig.“
„Dann nehmen wir es einfach mit.“
„Meine Mutter hat jesagt, das geht nicht, es ist viel zu schwer. Wir haben nur Brot, Schmalz, Wurst und Zucker eingepackt. Wir haben ja kein Gespann mehr“, sagt Hans traurig.
„Dann kommen die blöden Russen und fressen alles auf!“, lamentiert Helmut.
„Aber die kriegen sie nicht“, sagt Hans plötzlich voller Wut und zerschmettert das Glas mit den Kirschen am Boden.
Rachsüchtig zerschlagen sie alle Gläser und Flaschen, den Russen wollen sie nichts zurücklassen. Dann machen sie sich auf in den Vorratskeller von Mutter Samland, dem sie dasselbe Schicksal zugedacht haben.